Kleine Krisen #4

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Ich versteh dich ja, dass dich das nervt. Ich glaube, mich würde das auch wahnsinnig machen, es macht mich ja eigentlich auch wahnsinnig, aber gleichzeitig muss ich es tun. Ich bin nicht unpraktisch. Das hieße ja, ich sei so veranlagt, dass ich einfach kein Gefühl dafür hätte, wie etwas zusammenpasst, Ursache und Wirkung und was dann später lästig ist. Ich kann das sehr gut, vorausschauend denken. Aber da spielt sich viel mehr ab. Das ist hochkomplex. Erinnerst du dich, als ich dir von der Uni erzählt habe? Dass ich davor stand und einfach nicht ins Seminar gegangen bin, obwohl ich vorbereitet war? Nicht etwa wegen des Wetters oder weil ich keine Lust hatte oder keine Zeit. Sondern einfach, weil ich es konnte. Aus Subversion und Rebellion. Wenn man sonst schon keinen Widerstand leisten kann, dann wenigstens an solchen Orten. Bei normalen Gelegenheiten, da ist es unauffällig und es hat keine so schlimmen Folgen. Ich habe ja nicht mal Spaß gehabt, während ich geschwänzt habe. Ich habe mich auf eine Parkbank gesetzt, hatte schlechte Laune und habe 2 Milchschnitten gegessen, um die plötzlich gewonnene Zeit rumzukriegen. Komplett bescheuert, eigentlich. Und doof, weil ich dann alles auf einmal für die Prüfung auswendig lernen musste, eine schlechtere Note gekriegt habe und hinterher alles wieder vergessen. Ich weiß darüber fast nichts mehr. Das ist eigentlich sehr schade, damit habe ich mir keinen Gefallen getan. Genau wie beim Käse. Ich stapel den am unpraktischsten Ort im ganzen Kühlschrank über die sauren Gurken und den halbvollen Sahnebecher und lege noch ein Tellerchen mit Essensresten drauf. Einfach, weil ich’s kann. Dem System ein Schnippchen schlagen. Obwohl es gar nichts bringt und hinterher viel mehr Arbeit macht und keiner mehr was findet. Das weiß ich dabei, die ganze Zeit. Aber trotzdem ist da so ein Kitzel, die Ordnung zu unterwandern. Etwas absichtlich Sinnloses zu tun. Eigentlich habe ich ja einen Ordnungswahn. Ich bin Perfektionist und muss weinen, wenn die Dinge nicht zusammenpassen. Aber ich bin ja auch so ungeduldig, ich schalte den Wasserkocher immer aus, bevor er sich selbst ausschaltet, dabei habe ich extra so einen gekauft, der sich selbst ausschaltet, wegen Schmorbränden und solcherlei Gefahren. Aber trotzdem will ich kurz den Ablauf stören. Und schneller sein, ich halte das nicht aus, wenn etwas lange dauert, ich wäre wirklich gerne meditativ und würde sorgsam Käse und Wurst und Joghurt und Pesto sortieren, aber irgendwie bin ich so rastlos. Rastlos und perfektionistisch zugleich. Und dazu noch diese darunterliegende Sehnsucht nach Widerstand. Sag ich ja: so einfach ist das nicht. Aber mich würde es auch nerven, ganz bestimmt.

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