Mit den Matrosenhunden auf der Fähre F11 in Megaschoeneweide

Der Artikel erschien zuerst auf Megaschoeneweide.

Oberschöneweide verfügt mit seiner Fähre, der F11 von Oberschöneweide (Wilhelmstrand) bis zur Baumschulenstraße südlich des Plänterwalds über das wohl coolste Verkehrsmittel. Die Fähre F11  wird von der BVG betrieben und bringt Pendler und Touristen auf dem schnellsten Weg über die Spree.

Fine von den Matrosenhundenist ihrem Wunsch, an den Ort an dem sie aufgewachsen ist (Wilhelminenhofstraße) zurückzukehren, ein ganzes Stück näher gekommen (Link zu unserem Interview mit den Matrosenhunden) und ist gerade von Neukölln nach Karlshorst umgezogen.

Wir treffen sie und ihre Tochter Willi an der Haltestelle der Fähre F11 auf ihrem Weg nach Hause und sie kommt ins Schwärmen: Auch wenn sie nun ca. zwei Stunden täglich pendeln müsse, befreie die Überfahrt auf der Spree. Von so ziemlich allem.

 

›Manifest der Matrosenhunde: »Matrosenhunde müssen immer aufs Wasser gucken.« schrieben Madeleine und ich mit Tshirts als Turban gegen die Aprilsonne und Blick auf die Elbe 2011 in unser Manifest.

 

Wasser ist mein Element – eigentlich will ich immer sofort rein. Meine fast vierjährige Tochter Willi auch: letzte Woche war sie »anbaden«. Auf eigene Faust, hat sie erzählt. Plötzlich waren Schlüpper und Hemd nass, da musste sie eben einfach alles ausziehen und richtig los planschen. Ihr Papa hat dann seinen Pulli zum Abtrocknen geopfert.

Ich gucke mir das Wasser neben dem Steg an. Man kann hier auf den Grund gucken und Muscheln sehen. Vor 25 Jahren war das braune Brühe. Da bin ich zum ersten Mal auf dieser ältesten Fährstrecke Berlins unterwegs gewesen. Die Großeltern meiner Freundin Bettina hatten in der Kolonie einen Garten und als großes Highlight nach dem Stachelbeerkuchen sind wir einmal nach Baumschulenweg rüber und gleich wieder zurück gefahren.

Bild von Leo, verschönert von Fine (Matrosenhunde)

 

Jetzt bin ich gerade von Neukölln nach Karlshorst gezogen. Und mit mir ungefähr 150 andere Familien, neben denen ich mich in der Kitawarteliste einrichte. Solange gondeln wir mit Rad und Schiff zum alten Kindergarten in Neukölln.

Es gibt auch eine Brücke. Die ist neu und »gut für die Autofahrer« sagt die Frau neben mir an der Reeling. Ich bin eher kein Autofahrer, die Frau auch nicht. Wir versichern uns gegenseitig, möglichst oft zu fahren, um auch ja schön gezählt zu werden, damit die Fähre nicht eingestellt wird. Wahrscheinlich 200 Meter entfernt, befindet sich die Brücke, die Menschen in ihren Fahrgerätschaften darauf in einer anderen Sphäre. Parallelwelt. Mit uns und unserem Moment hat das nichts zu tun.

Manchmal habe ich die Fähre gerade verpasst und muss warten. Dann schaue ich aufs Wasser und höre dem Plänterwald beim Rauschen zu. Warten ist hier kein Problem. Sonst bin ich ungeduldiger. Das ist wohl diese Entschleunigung, über die andere Menschen Magazine und Instagram-Posts verfassen.

Die Fähre dreht vom Steg ab und in die Sonne, ich recke mein Gesicht rein und genieße. So beginne ich seit drei Wochen die Hälfte meiner Arbeitstage (der Weg durch Neukölln ist dann schon harte Arbeit, wenn ich endlich in meinem Kreuzberger Studio sitze, ist eine Stunde vergangen) und beende sie auch so. Die Fähre dreht sich immer mit mir der Sonne zu, das ist doch ein Glück oder? Ich könnte ja auch genau anders herum müssen.

»Das macht unglaublich was mit der Lebensqualität« sagt der Radfahrer. Er ist vor einem Jahr umgezogen und er fährt manchmal die Rummelsburger Bucht lang zur Arbeit (ich auch). »Auch schön, aber halt nur am Wasser, nicht drauf.«

Es wird gemunkelt, dass weitere Fähranlegestellen kommen sollen, also bis Mitte hochkreuzen. Ich wäre dabei. Dass das Flussbad kommen soll, erzählt der Fährmann meinen Eltern (sie sind auf neue-Wohnung-Antrittsbesuch und probieren unterwegs auf ihrer Schöneweide-Nostalgie-Tour auch die von mir besungene Verbindung aus). Megaschöneweide-LeserInnen kennen meinen Wunsch.

Bild von Leo, versch

önert von Fine (Matrosenhunde)

 

Ich überlege schon die ganze Zeit, mit welchen Laubenpieper ich einen Deal aushandeln könnte, um ein Surfbrett, Segel und Neopren in Wassernähe zu parken. Aber erstmal befrage ich meinen Onkel Peter zur Wasserqaulität. Er kennt sich mit Wasser aus. Er ist Experte.

Er sagt »Hauptproblem sind die Nährstoffe und das Sulfat, für Surfer eher unbedenklich. In der Tat sind die Sedimente in der Rummelsburger Bucht, wie auch anderenorts, schadstoffbelastet. Das sollte aber kein Problem sein, wenn Du nicht gerade die Nase in den Boden steckst und dabei ordentlich schluckst.«

 

Das habe ich nicht vor und google, was Nährstoffe und Sulfat noch mal sind. Stoße auf Tagebauförderungsnebenwirkungen und visionäre Projekte, das Kanalisationsproblem von Berlin (Starkregen – Überlauf der Becken in Kanäle und Spree) durch Filteranlagen am Ufer mit Garten und Bar oben drauf zu lösen (Spree2011).

Bild von Leo, verschönert von Fine (Matrosenhunde)

 

Während Willi und ich morgens am Steg warten (Diskussion über Zähneputzen führte zu Verzögerungen im Betriebsablauf), ziehen Ruderinnen an uns vorbei durchs Wasser und ich überlege, in deren Verein einzutreten.

Als Leo den Fährmann fragt, macht er meine Annahme, er hätte den schönsten Beruf der Welt, zunichte. (»Aber es sei schon in Ordnung«). Natürlich ist er früher auf größeren Schiffen gefahren. Da ist Baumschulenweg – Wilhelmsstrand nun ein bisschen ernüchternd. Manchmal macht er auch den Müggelsee oder Grünau. Die Abwechlung gefällt ihm. Aber das sind Schönwetterdampfer. Die F11 fährt das ganze Jahr.

Die einzige Fährfrau auf der Strecke (sie sagt selber Fährmann zu sich) antwortet auf meine Frage zur Wasserqualität »Ich kenn’ nur fest oder flüssig. Der Rest is’ mir wurscht.« Die Fähre fährt das ganze Jahr. Im Winter kommt der Eisbrecher. Ich wünsche mir sofort, dass jetzt Winter ist, damit ich den Eisbrecher sehen kann. Geduld. Der nächste Berliner Winter kommt auf jeden Fall.

Bild von Leo, verschönert von Fine (Matrosenhunde)

Auf der Fähre ist das Leben besser. Alle sind nett zueinander, lassen sich höflich auf der ratternde Brücke vor. Man hat ein gemeinsames Ziel und Ankommen ist nebensächlich. Es scheinen andere

Regeln zu herrschen, wie ich es vom Wassersport kenne: Wir sind kurz in einem anderen Element unterwegs und die Uhren ticken anders. Hier entstehen die besten Gedanken des Tages. Das bisschen Wind um die Nase reicht schon. Es ist doch immer wieder ulkig, wie wenig man zum Glücklichsein braucht.

Ich und die anderen, die ich alle schon ein bisschen kenne, wir brauchen die wohlwollende Entscheidung von BVG und Stadt nach Ende des Jahres und der Frist. Rentabel geht wahrscheinlich anders. Glücklich geht so.‹

Bild von Leo, verschönert von Fine (Matrosenhunde)

 

Der Fährmann verabschiedet uns mit den Worten “bis Morgen” und ich wünsche mir sogleich, dass mich mein Arbeitsweg auch über die Spree tragen würde. Hab’ vielen Dank Fine für deine Eindrücke zur täglichen, neuen Routine und deinen Zeichnungen zu meinen Fotos. Und jetzt alle bitte ganz oft Fähre fahren!

 

 

Fähre F 11 der BVG

Sie überquert die Spree im 10 Min Takt (bzw. 20 Min Takt) von 06 Uhr bis 19 Uhr: Linientakt

Das ganze Jahr, über also nicht nur im Sommer, wie andere Berliner Fähren. 

Es gelten die normalen BVG-Fahrscheine. Eine Fahrradmitnahme ist natürlich möglich.

 

Fotos und Text: Leo bzw. Fine von den Matrosenhunden